13.05.2026:
Seit ein paar Tagen bin ich Rheinsbergs 63. Stadtschreiber. Die Anfrage vom Kurt Tucholsky Literaturmuseum Rheinsberg erreichte mich im Dezember 2025 und ich musste nicht darüber nachdenken, ob ich das machen möchte. Die Antwort war sofort ja. Als ich noch Student am Deutschen Literaturinstitut war, verbrachte ich zwei Sommerurlaube hier. Die Erinnerungen an Radfahrten durch die Wälder, Spaziergängen durch den Schlosspark und Ausflüge mit dem Boot waren sofort wieder präsent. Mir wurde angeboten, dass ich von Mai bis Juli die Stadtschreiberwohnung im Marststall auf dem Schlossgelände beziehen dürfe, um hier zu arbeiten.
Wolfgang Hilbig, Annett Gröschner, Manja Präkels waren schon hier. Aber auch Michael Wildenhain, der im Bachelorstudium mein Dozent gewesen war und Antje Rávic Strubel, die mich widerrum im Masterstudium unterrichtete, waren bereits StadtschreiberInnen von Rheinsberg.
Und nun darf ich hier sein. Momentan arbeite ich an einem Drehbuchprojekt, einem Theaterstück und mache mir nebenbei Gedanken darüber, wie der vierte Roman aussehen könnte. Dazu lange Spaziergänge durch den Park und die Stadt und Radfahrten durch die Wälder.
Das ist vielleicht erwähnenswert. Ich kam nicht mit dem Zug oder Auto nach Rheinsberg. Ich bin mit dem Fahrrad angereist. Am 30. April ging es für mich von Leipzig nach Gräfenhainichen, wo ich in der Stadtbibliothek eine sehr schöne Lesung hatte. Einen Tag später bin ich nach Brandenburg an der Havel gefahren und am 02. Mai erreichte ich Rheinsberg.
Meine Übernachtung in Brandenburg an der Havel war interessant. Ich hatte mir ein Hotel gebucht, bei dem für mich vor allem der Preis und die Lage auf der Strecke nach Rheinsberg wichtig waren. Herausgekommen war ein Wellnesshotel, inklusive Halbpension. Ein Zimmer aus den neunziger Jahren mit Plastiktürgriffen zum Bad, wie so oft in den neuen Bundesländern. Alles ganz in Ordnung, ein wenig aus der Zeit gefallen und doch sympathisch. Der Blick vom Zimmer führte auf den Beetzsee. Hübsch. Nach dem Duschen wollte ich zum Abendessen, was mir verweigert wurde, da es in Etappen bereitgestellt wurde. Ich war eine Stunde zu früh. Also zurück ins Zimmer und warten.
Dann, um 19:00 Uhr, durfte ich zum Speisesaal, vor dem sich eine Schlange gebildet hatte, die vermuten ließ, dass ich mich hier eher bei einer Infoveranstaltung der Rentenkasse und nicht in einem Familien- und Wellnesshotel befand. Mit langem Hals konnte ich in den Speisesaal gucken.
Es gab Buffet.
Bier zum selbstzapfen, viel Fleisch, Kroketten, Spargel und Dessert serviert in kleinen Einweckgläsern. Es war wie auf einer goldenen Hochzeit. Eigebtlich fehlte nur ein Alleinunterhalter ala DJ Ronny zum großen Glück. Kaum durfte unsere Essensgruppe in den Saal, wurden Handys in braunen und schwarzen Lederhüllen auf den Tischen verteilt. Es ging den Beseitzern darum, um zu markieren, dass hier jemand SITZT. Kaum lag das Smartphone auf dem Tisch, ging der (leicht humpelnde) Ansturm auf das Buffet los. Die Ellenbogen zur Seite und dann hieß anstehen. Bei den erfahrenen Ehepaaren hatte sich der weibliche Teil bereits vor dem Mischgemüse platziert, sodass der Mann sich nur noch VOR seine Frau musste, um sich Klöße, Steaks und Geschnetzeltes auf den Teller zu türmen.
Ich hatte darauf keine Lust und habe mir erstmal ein Radler gezapft. Mit dem Getränk markierte ich dann meinen Tisch, was auch gut war, denn tatsächlich bekamen nicht alle Essensgäste einen Tisch ab. Gleichzeitig fragte mich auch niemand, ob man sich zu mir an den Tisch setzen könnte. Stattdessen gab es lautstarke Diskussionen über die unmögliche Organisation der Speiseausgabe.
Ich holte mir derweil Schnitzel, Spargel, Kartoffeln und tränkte den Kram mit viel Soße Hollandaise. Wieder am Platz, sah ich, dass ein Paar, das eben noch keinen Platz bekommen hatte, nun doch einen gefunden hatte und diesen (und das war vermutlich der Fehler) nicht mit einem Handy oder Bier markierte, sondern mit Essen, welches vom Personal sofort und gnadenlos abgeräumt wurde, als die beiden sich Wein holten.
Ich schob mir eine Spargelspitze in den Mund und erlebte einen himmlichen Dialog.
Es treten auf: Mann, Frau, Kellnerin.
Mann: Hier ist unser Tisch.
Kellnerin: In Ordnung.
Mann: Unser Essen ist weg.
Kellnerin: Sie können hier essen.
Mann: Sie haben es abgeräumt.
Kellnerin: In Ordnung.
Mann: Nein. Das ist nicht in Ordnung. Dann essen wir jetzt gar nichts.
Frau guckt böse.
Kellnerin: In Ordnung.
Kellnerin ab.
Frau ab.
Mann bleibt stehen, findet kein Ventil für seine Wut.
Das Paar hatte dann tatsächlich nichts gegessen und saß Wein trinkend auf der Terrasse. Die Stimmung der beiden war frostig. Irgendwann stand er auf und ging spazieren.
Ich holte mir derweil einen Nachschlag, den ich dann auch mit auf die Terrasse nahm, wo ich das weitere Gästetreiben beobachten konnte.
Ich sah:
- Eine Frau, die mit Wanderstöcken an das Buffett ging und dann nicht wusste, wie sie sich koordieren soll.
- Einen Mann Ende 50 mit einem T-Shirt auf dem eine Ente mit Baseballschläger zu sehen war. Dazu der fetzige Spruch: Psychisch am Ente.
- Einen Mann, der sich schnaufend niederließ, nicht ein einziges Wort sagte, und dessen Frau zum Buffett ging und erst ihm und dann sich die Teller vollpackte. Das gelieferte Essen nickte er schweigend und zufrieden ab.
- Viele weitere schweigende Ehepaare.
- Und ein Ehepaar, bei dem sie blind war und er ihr die ganze Umgebung beschrieb, sie an einen Platz führte und erst für sie und dann für sich das Essen holte. Und das war unglaublich schön.
Ich wäre gerne länger geblieben. Sicher werde ich dieses Hotel wieder buchen. Der innere Opa in mir hatte sich dort sehr wohl gefühlt. Und das ist ja wichtig, dass man den inneren Opa seinen Raum gibt, und dass er sich ausleben kann. Bei Pudding mit Schokosoße.
Ja. Und nun bin hier in Rheinsberg. Mal gucken, was noch passiert.








